Gred

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Die befestigte, leicht erhöhte Fläche vor der Eingangsseite des Bauernhauses wird in Altbayern Gred genannt. Die Fläche ist vollständig von einem Dachüberstand gedeckt, sodass die Trauflinie vor dem Rand dieser Fläche verläuft. Die Befestigung kann aus Holzbohlen, Stein oder Kunststein gefertigt sein. Der Rand zum unbefestigten Bereich kann durch einen hölzernen Balken oder einen Saum frostfester Ziegel gebildet sein.

Das gering geneigte Legschindeldach des Waldlerhauses in Pilgramsberg überdeckt die Gred vor Wohnung und Stall vollständig.

Geschichte

Hygiene auf dem Bauernhof

Am Bauernhof ist die Befestigung des Bodens im Hof eine Errungenschaft der Hygienekampagnen des 19. Jahrhunderts und der zunehmenden Professionalisierung bäuerlicher Landwirtschaft. Regen, vom Misthaufen abfließende Jauche, die vor die Türe gekippte Füllung der Hafen der Nachtstühle, die Traufe der Dächer und der Ausguss der Dachrinnen weichen den Boden vor den Häusern und Stallungen knöcheltief auf. Deshalb wird an den Zugangsseiten der Gebäude der Dachüberstand erweitert und an den Hauswänden entlang mit Holzbohlen oder Steinen ein Gang befestigt. Auf dieser Gred sind gewöhnlich Wohnung, Stall, Getreidekasten und Abort trockenen Fußes erreichbar.

Im geschlossenen Vollbauernhof (Dreiseithof oder Vierseithof) ist der Stall häufig in Verlängerung des Wohnhauses oder im rechten Winkel dazu erbaut, sodass die Gred gerade oder übereck direkt anschließt.
Traditionell ist der Misthaufen in der Hofmitte aufgerichtet. Die Gredmauer bildet den Rand der Miststatt, von der erhöhten Gred kann der Stallmist direkt abgekippt oder – wenn der Haufen gegen Ende des Winters und der Wuchsperiode des Sommers angewachsen ist – über eine Bohle eben abgefahren werden.

Gefüge

Reut 1½ (Karlsbach). Die Stubenwände des Kleinhäusls waren unverputzt, aber vor der Haustüre lagen große rechteckige Gredplatten aus Granit. Der Stein war von geringem Wert, er lag offen in den Wäldern, die aufwändige Arbeit des Herbeischaffens und des Behauens hat der Häusler selbst geleistet. (Foto: Martin Ortmeier, 1988)
Eine Gred aus Holzbohlen war nicht dauerhaft, es ist aber anzunehmen, dass dieses 1914 in Degernbach im Rottal geschaffene Lichtbild Dokument einer bis dahin lange gepflegten Baupraxis ist. (Bildarchiv Martin Ortmeier)
Wenn das Bauernhaus wegen der Hanglage des Anwesens hoch über der Hoffläche aufragt, kann die Gred wie eine Altane mit Räumen unterbaut sein. Um 1950 hat der Bauernhausforscher Theodor Heck ein Anwesen in Huldsessen im Altlandkreis Eggenfelden dokumentiert. (Bildarchiv Martin Ortmeier)

Belegt sind beplankte, gepflasterte und zementierte Gredflächen. Die hofseitig aufragende Wand ist mit Pfählen befestigt oder gemauert. Gelegentlich ist die Gred mit hofseitig zugänglichen Gewölben unterfangen.

Am Rand der Gred ist häufig eine Wasserstelle eingerichtet.[1]
Dort ist oft auch der Abort über der Miststatt platziert, jedoch nicht vor den Stubenfenstern, sondern vor dem Stall.

Wenn vom hausseitigen Rand der Gred Schüttfenster zu Kellerräumen abgehen[2], ist die Gred so breit ausgerichtet, dass sie mit Fuhrwerk befahren werden kann.

In Bildquellen sind Gredbeläge aus Holz, Flusskiesel, Granit- oder Basaltpflaster, Feld- und Haustein, Ziegel und Zement- oder Zementbeton belegt.
In den niederbayerischen Freilichtmuseen Finsterau und Massing finden sich Greden aus Steinen (Lehnerhof, Petzi-Hof, Kappl-Hof und Tanzerhof), Steinplatten (Ehrn und Granitstall aus Rosenberg) und Ziegeln (Marxensölde und Kochhof).

Das Greddach

In der Regel ist über der Gred die Dachtraufe oder – beim Rottaler Bauernhaus – der Ortgang so weit vorgezogen, dass die gesamte befestigte Fläche überdacht ist. Von einem Greddach“ ist aber nur dann die Rede, wenn zu diesem Zweck das gesamte Dach mit seinem First aus der Gebäudemitte zur traufseitigen Hauseingangsseite hin verrückt ist.
Die niederbayerische und oberbayerische Hallertau ist eine solche Hauslandschaft.[3]

Der Begriff Gred

Der lateinische Begriff gradus bedeutet nicht allein Stufe, sondern auch Rang und Würde. Der Bauer eines mustergültigen Anwesens in Hilleröd bei Fürstenzell steht um 1920 einige Stufen erhöht über seinen Ehalten, die sich auf der breiten gepflasterten Gred mit ihren Werkzeugen dem Photographen präsentieren.[4]

Der Plural des bairischen Dialektwortes Gred ist Greden, gesprochen auch Gre(d)na.

Als Gredplatten werden – im Gegensatz zu Gredsteinen, ausgewählten Feldsteinen mit einer weitgehend ebenen Deckfläche – Werkstücke aus Granit bezeichnet, deren Oberfläche eben zugerichtet ist. In den Granitgebieten des Bayerischen Waldes sind großflächige, rechtwinklig behauene Gredplatten häufig anzutreffen.

Der Sozialraum

Die Gred ist ein privater Steig im Gegensatz zum öffentlichen, gewöhnlich von Anwesen zu Anwesen durchlaufenden Gehsteig (Trottoir) nach altrömischem und daran anschließendem imperial-französischen Vorbild.

Das private Wesen der Gred hatte die soziale Gewohnheit zur Folge, dass zwar ein Nachbar oder Verwandter unaufgefordert die Gred betreten durfte, ein Viehhändler oder Hausierer jedoch die Aufforderung dazu abwarten musste, trat er damit doch über die althergebrachte Rechtsgrenze der Traufe. Einem Bettler oder „Fahrenden“ war bereits das Betreten des Hofes nicht zugestanden, er musste im öffentlichen Straßenraum bleiben.

Auf der Gred, die gewöhnlich zur Sonnseite gelegen ist, ist oft eine lehnenlose Bank aufgestellt. Sie dient zur Feierabendruhe, außerdem als Teilhabeplatz für Kranke und Alte.
Als Arbeitsplatz ist die Gred der Hauswirtschaft zugewiesen. Stark schmutzende sitzend auszuführende Arbeiten (Rupfen von Geflügel) und reichlich Licht erfordernde Tätigkeiten (Auslesen von Erbsen oder Beeren) werden auf der Gred erledigt. Auf der Gredbank wird Milchgeschirr (Zentrifuge, Butterrührkübel, Lieferkannen) nach dem Auswaschen zum Trocknen abgelegt.

Quellen

Ponzauner Wigg (Ludwig Gruber): I hab dahoam an oidn Hof, | a Stockhaus mitra Gred. (Vers 1–2 des Gedichts “Da oide Hof“, 1969)

Literatur

  • Martin Ortmeier: Schee is gwen, owa hirt. Alte Bilder aus dem Bayerischen Wald. Amberg 2003, ISBN 978-3-95587-062-1
  • Regiowiki-Eintrag vom 29. September 2011: „Die Gred ist ein gepflasterter Streifen an der Längsseite vor dem Hauseingang, damit man trockenen Fußes bis zum Stall gehen konnte, meist mit einer Bank, der Gredbeng ausgestattet. Auch der Denglstock stand oft dort. Die Pflasterung wurde gewöhnlich mit großen Granitplatten vorgenommen, den ‚Gredplatt'n‘.
  • Martin Ortmeier: Bauliche Strategien zur Verbesserung der Hygiene auf dem Bauernhof. In: Angerer, Birgit, Renate Bärnthol u.a. (Hgg.). Sauberkeit zu jeder Zeit! Hygiene auf dem Land. Petersberg (Michael Imhof Verlag, ISBN 978-3-7319-0837-1), S. 71–81

Weblink

Anmerkungen

  1. Siehe Martin Ortmeier: Das eigene Wasser – Anmerkungen zum historischen Brunnebau In: Angerer, Birgit, Renate Bärnthol u.a. (Hgg.). Sauberkeit zu jeder Zeit! Hygiene auf dem Land. Petersberg (Michael Imhof Verlag, ISBN 978-3-7319-0837-1), S. 97–105
  2. Vgl. Petzi-Hof im Freilichtmuseum Finsterau
  3. Greddach wird in der Hausforschung sowohl der spezifische Dachüberstand wie auch das ganze außermittig gesetzte steile, in der Regel mit Biberschwanzziegeln eingedeckte Dach genannt. Die Photographie eines Hallertauer Hauses dieser Art ist abgebildet in: Martin Ortmeier. Bauliche Strategien zur Verbesserung der Hygiene auf dem Bauernhof, a.a.O., S. 76. Sie zeigt das Anwesen des Säcklers und Posthalters Otmar Zeitler in Train (Landkreis Kelheim) im Jahr 1911.
  4. Abb. in: Martin Ortmeier. Bauliche Strategien zur Verbesserung der Hygiene auf dem Bauernhof, a.a.O., S. 74